Denkbar: Ehrenamtliche sollen Kirche vor Ort eigenverantwortlich gestalten

Anstelle neuer Wege für die Zusammenarbeit von Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen in den bisherigen Kirchenstrukturen warb Referent Christian Hennecke beim „Denkbar“-Abend in Wattenscheid für ganz neue Formen des Kircheseins.

Hennecke: Der Wandel in der Kirche ist so tiefgreifend, dass es auch tiefgreifende Veränderungen braucht

Ehrenamtlich Engagierte sollen den hauptberuflichen Seelsorgern nicht nur zuarbeiten, sondern das kirchliche Leben selbst gestalten

Im Bistum Essen gibt es in zwei Gemeinden erste ehrenamtliche Leitungsteams

Nicht Ehrenamtliche als Unterstützer der hauptberuflichen Seelsorger in der Pfarrei, sondern katholische Männer und Frauen, die aus ihrem Glauben heraus vor Ort eigenverantwortlich das Leben der Kirche gestalten – für diesen radikalen Wandel im katholischen Selbstverständnis warb am Mittwoch der elfte „Denkbar“-Abend des Bistums Essen. Gabriele Viecens und Christian Hennecke aus der Pastoralabteilung des Bistums Hildesheim luden die rund 140 „Denkbar“-Gäste aus allen Teilen des Ruhrbistums zu diesem Blickwechsel ein. Während der Theologe Hennecke den Weg hin zu einer neuen Form des Kircheseins beschrieb, stellte Viecens den Gästen mehrere Modelle vor, die Talente und Begabungen in einer kirchlichen Gemeinschaft zu entdecken und sie für die Gemeinschaft nutzbar zu machen.

Hennecke verwies auf Papst Franziskus, der in seinem jüngsten Brief an die deutschen Katholiken von einer „Zeitenwende“ und einem grundlegenden „Wandlungsprozess“ geschrieben hat. Diesen umfassenden Veränderungen, die laut Hennecke „schon seit 60 Jahren laufen“, werde man nicht mit rein strukturellen Veränderungen wie der Vergrößerung von Pfarreien oder dem verstärkten Einsatz von Ehrenamtlichen gerecht. Zu sehr stehe hinter vielen dieser Umstrukturierungen die Idee, die Kirche „könne irgendwann wieder so werden wie früher“, so Hennekes Verdacht. Doch wie zu Zeiten der Volkskirche, als sich bis in die 1960er Jahre hinein weite Teile der Bevölkerung als Katholiken sahen und in ihrem Ort einer festen Gemeinde zugehörig fühlten, die sonntags gemeinsam Messe feierte, werde es nie mehr werden. Wie alle Menschen wählten heute auch die Christen in Freiheit das, was ihnen gut tue. „Aus dem Besucher der Sonntagsmesse wird dann der Liebhaber guter Liturgie“, nannte der Leiter der Hildesheimer Pastoralabteilung eine der Konsequenzen. „Die kirchliche Heimat ist heute viel mobiler, viel provisorischer. Aber ist da schlimm?“

Kirche hat kein Modell für Christen, die sich frei entscheiden

Problematisch sei, dass die Kirche für diese Form des Christseins kein Muster habe. Deshalb seien – trotz aller Veränderungsdebatten – gerade haupt- und ehrenamtlich Engagierte von früheren Kirchen- und Gemeindebilder geprägt, zumal diese „oft mit sehr positiven Gefühlen verbunden sind“, sagte der Theologe. Er verglich die Situation mit dem Sketch „Dinner for One“: Butler James, der – analog zu den Haupt- und Ehrenamtlichen in der Kirche – ständig überfordert versucht, den Anspruch „der gleiche Ablauf wie jedes Jahr“ zu erfüllen, obwohl sich die Wirklichkeit längst verändert hat. Nur wenn die Christen die Wirklichkeit annähmen und sich von überkommenen Vorstellungen frei machten, könne eine Kirche entstehen, deren einziger Auftrag es sei, in Wort und Tat den Glauben an Gott zu verkünden – und die dann auch wieder attraktiv für andere werde.

„Es geht ums Rausgehen, nicht darum, die Reihen voll zu machen“

Es sei „ein tiefgreifendes Missverständnis“, wenn Christen meinten, „wir müssen das Volk Gottes sammeln“, betonte Hennecke mit Blick auf den Drang vieler Gemeinden, möglichst viele Menschen zum Gottesdienstbesuch zu bewegen, sie in Gruppen zu vereinen und die Kinder und Jugendlichen möglichst eng an sich zu binden. „Die Menschen zu sammeln ist Gottes Aufgabe – und er sammelt heute anderes als zu anderen Zeiten. Unsere Aufgabe ist es, gesendet zu sein, das Evangelium zu verkünden.“ Es gehe „ums Rausgehen, nicht darum, die Reihen voll zu machen“.

Das mache die Situation der Kirche zweifellos riskanter, sie komme „zunehmend in eine Diasporasituation“. Die Antwort darauf könnten jedoch nicht immer größere Pfarreien und Gemeinden sein. Kirche müsse „lokal und dezentral“ gedacht werden, nicht ausgehend von der Zahl der Priester und hauptamtlichen Mitarbeiter, sondern „vom Volk Gottes“ und vom „Leben vor Ort“ her, so Hennecke. „Natürlich braucht es auch dafür Strukturen. Aber wir sind so auf Strukturen fixiert, dass es das Leben schwer hat.“ Er plädierte für „lokale Leitungsteams“, Christen, die vor Ort nach ihren Möglichkeiten freiwillig und eigenverantwortlich das kirchliche Leben gestalten. „Das wird nicht flächendeckend funktionieren“, zerstörte er die Idee einer auch weiterhin pastoralen Vollversorgung, „aber ,flächendeckend‘ ist ohnehin keine Kategorie des Evangeliums“. Die hauptamtlichen Seelsorger hätten dann vor allem die Aufgabe, die lokalen Leitungsteams zu unterstützen. „Die Hauptamtlichen sollen die Leute vor Ort ermutigen, ihren Weg zu gehen.“

Erste ehrenamtliche Leitungsteams in Gemeinden des Ruhrbistums

Während es im Bistum Hildesheim bereits rund 30 solcher lokalen Leitungsteams gebe haben sich im Ruhrbistum bislang zwei Gemeinden in Duisburg und Essen auf den Weg gemacht, das kirchliche Leben in ihren bisherigen Gemeinde-Strukturen rein ehrenamtlich zu gestalten. Weitere Gemeinden planen einen solchen Schritt. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck hatte zuletzt erneut dazu ermuntert, alternative Modelle für die Leitung von Gemeinden auszuprobieren, aber auch vor einer Überforderung Ehrenamtlicher gewarnt.

„Entscheidend ist die Qualität der Beziehungen“

Henneckes Kollegin Viecens warb dafür, noch stärker als bislang auf die individuellen Talente und Fähigkeiten der Menschen zu schauen, die sich vor Ort für die Kirche engagieren wollen. Auch hier müsse ein Blickwechsel stattfinden: Nicht nach Mitarbeitern für bestimmte Aufgaben suchen, sondern das Leben der Gemeinschaft abhängig von den Begabungen ihrer Mitglieder gestalteten. „Entscheidend hierfür ist die Qualität der Beziehungen in den Gemeinschaften“, sagte Viecens. Zugleich betonte sie, dass das Leben einer solchen Gemeinschaft weniger planbar sei als eine klassische Kirchengemeinde: „Wenn wir von den Menschen und ihren Gaben und Talenten her schauen, wird es sehr explorativ.“

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